Am Tor der Humboldt-Universität - Foto: Erdmute Nieke
„Wir alle, die wir an eine deutsche Demokratie glaubten, machten uns der Blindheit schuldig. Wir sahen nicht die Verräter in unserer Mitte.“ – 8. Frauentagslauf für alle Geschlechter in Berlin am 8. März 2026 – Dr. Erdmute Nieke
Der 8. Frauentagslauf ist ein Sonntagslauf. Pünktlich um 9.30 Uhr finden sich am Alice-Salomon-Park in Berlin-Schöneberg sieben Menschen ein. Gemeinsam fahren wir mit der U-Bahn an Alice Salomons ersten Wirkungsort.
An der Jannowitzbrücke gründet Alice 1898 den ersten Arbeiterinnen-Club.
Zwei Radfahrerinnen begleiten uns nun und wir laufen und radeln gemeinsam elf Kilometer durch Berlin auf den Spuren von Alice Salomon.
Die erste Pause ist am Roten Rathaus. Hier werden 1893 die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit gegründet. Alice ist mit 21 Jahren dabei und beschreibt in ihren Lebenserinnerungen dieses Ereignis als den Beginn ihres Lebens. Denn ab da widmet sie ihr Leben der sozialen Arbeit und hat darin ihre Lebensaufgabe gefunden. Wir hinterlassen eine rote Rose am Roten Rathaus.
Pause zwei ist vor der Humbolt-Univerität. Alice Salomon studiert und promoviert an der Friedrich-Wilhelm-Universität von 1902 bis 1906. Ihre Lebenserinnerungen – die heute in Buchform mitlaufen – erzählen spanndende Anekdoten über diese Zeit. Auch hier hinterlassen wir eine rote Rose.
Alice hat in Berlin von ihrer Geburt 1872 bis 1937 an sechs verschiedenen Adressen gewohnt. Wir laufen alle Adressen in der richtigen Chronologie ab. An jeder Adresse – heute gibt es keines der sechs Wohnhäuser mehr – hören und sehen wir, was sie in der jeweiligen Zeit alles erlebt und getan hat.
Alices evangelische Mädchenschule, die sie mit ihren Schwestern als Jüdin besucht, gibt es heute auch nicht mehr. Doch die Geschichten aus ihrer Schulzeit hören wir.
In der Klingelhöferstraße am Walter-Lübcke-Platz begegnen sich zwei Menschen, die sich gegen rechte Ideen einsetzten. Walter Lübcke (1953-2019) bekommt eine rote Rose. Sein Denkmal steht an der dritten Wohnadresse von Alice.
Walter Lübcke – Foto: Erdmute Nieke
An Alices letzter Wohnadresse sind wir im Jahr 1937 angekommen. Obwohl sie sofort 1933 als getaufte (1914 lässt sie sich in Dublin taufen) Jüdin von allen ihren Aufgaben und Ämtern in Berlin enthoben wird, will sie Deutschland nicht verlassen. Sie gründet 1933 ein Hilfskomitee für Emigrant:innen und nutzt ihre vielen internationalen Kontakte.
Sie sagt: „So wie ein Kapitän eines kleinen Schiffes, wollte ich meinen jungen Freunden in das Rettungsboot helfen.“ (Alice Salomon: Lebenserinnerungen, Frankfurt a. M., 2. Auflage 2024, S. 308). Am 26. Mai 1937 wird sie von der Gestapo vier Stunden verhört und mit 65 Jahren zur Ausreise aus Deutschland innerhalb von drei Wochen gezwungen.
Die Gruppe vor dem Schulhaus von Alice Salomon – Foto: Manuela Mühlhausen
Unser Lauf endet an Alices Hauptwirkungs- und Arbeitsort. 1908 gründet Alice eine Schule für soziale Arbeit mit einer zweijährigen Ausbildung. 1914 ist das eigene Schulhaus – ganz modern mit Dachgarten – nach nur einem Jahr Bauzeit fertig! Am Gebäude befindet sich heute eine Gedenktafel. Wir hinterlassen auch hier eine rote Rose.
Was bleibt von Alice Salomon?
Bei der Stärkung nach dem Lauf sind wir uns einig: Zuerst die Professionalisierung der sozialen Arbeit, dann ihr internationales Netzwerk für die Rechte der Frauen, ihre zielgerichtete Energie bei der Umsetzung ihrer klugen Ideen, ihre genaue Beobachtungsgabe für die Ergenisse ihrer Zeit und ganz wichtig ihre Kritik an der Ideologie der Nationalsozialisten.
Lebenserinnerungen mit Zielversorgung – Foto: Erdmute Nieke
Als sie 1942 in New York – sechs Jahre vor ihrem Tod – ihre Lebenserinnerungen schreibt, hinterlässt sie uns diesen so aktuellen Satz: „Wir alle, die wir an eine deutsche Demokratie glaubten, machten uns der Blindheit schuldig. Wir sahen nicht die Verräter in unserer Mitte.“ (Alice Salomon: Lebenserinnerungen, Frankfurt a. M., 2. Auflage 2024, S. 265)

Die Gruppe vor dem Roten Rathaus – Foto: Erdmute Nieke
Mögen wir heute nicht wieder blind sein! Setzen wir uns für den Erhalt der Demokratie ein! Das hätte Alice Salomon uns allen mit auf den Weg gegeben.
Dr. Erdmute Nieke
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